Unfreiwilliger Ausflug
Eine Geschichte aus meinem Katzenbuch “Auf leisen Sohlen“

Der Mensch ist ein von Verlustängsten geplagtes Wesen und neigt dazu, das, was er liebt, in der Nähe haben und auf immer und ewig besitzen zu wollen. Bei mir ist dieses Bedürfnis besonders stark ausgeprägt, und aufgrund meiner Erfahrung mit Putzel war ich von der subtilen Angst behaftet, das Objekt meiner Gefühle könne abhanden kommen und eine schmerzliche Lücke in mein Leben reißen.
Aus diesem Grund hatte ich beschlossen, Felix nicht nach draußen zu lassen. Fritzchen war bei seinen Freigängen zwar nichts passiert, aber der war ja auch immer in Hausnähe geblieben – was schon ungewöhnlich genug war. Wie groß Felix’ Freiheitsdrang war, wollte ich deshalb lieber nicht ausprobieren und dachte, das Dach sei groß genug für sein Frischluftbedürfnis. Da hatte ich allerdings falsch gedacht.
Ich hatte zwar schon eine geraume Zeit beobachtet, wie er in der Regenrinne saß und mit sehnsüchtigem Blick nach unten peilte, dass er runterspringen würde, damit allerdings hatte ich nicht gerechnet. Schließlich handelt es sich um mehr als vier Meter.
Eines Tages aber war es soweit. Auf dem Dach war weit und breit nicht die Spur meines Katers zu entdecken, dafür glaubte ich, im Garten einen weißen Schatten mit schwarzen Flecken durchs hohe Gras flitzen zu sehen. Aufgeregt rannte ich die Treppe runter, rannte hinters Haus und brauchte fast eine halbe Stunde, bis ich ihn eingefangen hatte. Das nutzte aber nichts. Kaum wieder in der Wohnung, sprang er sofort auf die Terrassenbrüstung, tippelte zielstrebig zur Dachrinne, nahm einen kleinen Anlauf und schon war er wieder er wieder weg.
Die Frage, draußen oder drinnen, stellte sich ab diesem Zeitpunkt nicht mehr. Resigniert gab ich beim Schreiner eine Katzenleiter in Auftrag, weil Felix die große Strecke zwar nach unten, aber nicht nach oben springen konnte. Und irgendwie musste er ja zurückkommen können, ohne dass ich an der Haustür dauernd auf Lauer lag.
Von da an unternahm Felix täglich ausgiebige Ausflüge. Strich durch die Nachbargrundstücke, strawanzte viele Stunden in der Gegend herum, und hielt sein Mittagsschläfchen nicht mehr auf dem Sofa, sondern unter irgendeinem Gebüsch, außerhalb meiner Sicht natürlich. Schrecklich war das, ganz schrecklich! Andauernd trieb die Sorge mich nach unten, wo ich nach ihm pfiff, und er meistens aus irgendeiner Richtung fröhlich auf mich zu hoppelte. Gott sei Dank! War das nicht der Fall, quälte mich die Sorge, ihm könnte etwas passiert sein, und ich war heilfroh, wenn er eine Weile später dann doch mit zitterndem und hoch aufgerecktem Schwanz auf der Terrasse stand.
Nach kurzer Zeit aber hatte ich mich an sein Eigenleben gewöhnt und kannte auch seinen Rhythmus, den er ziemlich konsequent einhielt. Mehrmals am Tag tauchte er auf, fraß etwas, lungerte eine Weile auf der Terrasse herum, ließ sich den Bauch kraulen und verschwand wieder. Spätestens gegen Mitternacht kam er zurück und begab sich zur Nachtruhe – in mein Bett. Am nächsten Morgen, nach dem Frühstück, machte er sich wieder auf die Socken.
So ging es drei Monate.
Eines Freitag nachts jedoch – es war bereits mehrere Stunden nach Mitternacht – wachte ich auf, und Felix war nicht da. Wie von der Tarantel gestochen warf ich mich in die Klamotten, raste nach draußen und pfiff mir die Lunge aus dem Leib. Ich lief um den Block, rief leise seinen Namen. Vergeblich! Felix war und blieb verschwunden. Schweren Herzens begab ich mich ins Bett und schlief mehr schlecht als recht. Als ich aus Alpträumen mit misshandelten Katzen aufwachte, war Felix immer noch nicht da. Das verhieß nichts Gutes!
Beunruhigt lief ich am Samstagvormittag mehrmals ums Karree, rief seinen Namen in die Sträucher und pfiff. Nichts zu entdecken von Felix! Dafür tauchten am Horizont dicke, schwarzen Wolken auf, und kurze Zeit später lang entlud sich ein gewaltiges Gewitter über dem Ammersee. Es stürmte, hagelte, donnerte und blitzte, und spätestens jetzt wäre Felix unter normalen Umständen – empört miauend – auf der Matte gestanden. Aber nein, ich konnte meinen bangen Blick auf die Terrasse werfen so oft ich wollte – mein Kater tauchte nicht auf. Ich begann mir ernsthafte Sorgen zu machen.
Am Abend war er immer noch nicht da, am nächsten Morgen auch nicht. Wo konnte der kleine Kerl denn nur stecken? War er irgendwo eingesperrt? Irgendwo durch ein schräg stehendes Fenster gesprungen und konnte nicht mehr zurück? Kratzte und scharrte verzweifelt, um sich zu befreien und verstand die Welt nicht mehr? Ein banges Gefühl grummelte in meinem Bauch, wobei die Angst, Felix zu verlieren, zweitrangig war. Im Vordergrund stand die Befürchtung, dass es ihm schlecht gehen könnte. Dass er an Hunger und Durst leiden und schließlich jämmerlich eingehen könnte.
Ich fühlte mich unsäglich hilflos und lief durch die Straßen, fuhr mit dem Fahrrad durchs Dorf, pfiff und rief unentwegt seinen Namen. Immer mit der Hoffnung auf eine miauende Reaktion. Keine Spur von Felix! Jetzt begannen Vorwürfe sich in mir breit zu machen. Gerade mal ein paar Wochen und meine Befürchtungen waren eingetroffen! Kaum hatte Felix sein Refugium verlassen, war ihm schon was zugestoßen. Aber, überlegte ich, hätte ich es verhindern können? Nein. Nichts hätte ich verhindern können. Schließlich war ich es gewesen, die ihn nicht raus lassen wollte. Und er hatte entschieden. War vom Dach gesprungen, mitten hinein in die Freiheit, die ihm zustand, und ohne die er sich wie in einem goldenen Käfig vorgekommen sein musste. Ohne körperliche Gefahr, aber auch ohne das individuelle Leben, auf das jedes Wesen Anspruch hat. Im Fall von Felix ein Leben ohne Mäuse, Vögel, Insekten, Kameraden und geheimnisvolle Gerüche. Ein Leben ohne Leben. Wie öde!
Am Montagabend war Felix immer noch nicht da, und Freunde kamen zum Essen. Einer davon war selber Katzenbesitzer. Wie es mir denn ginge, wollte er wissen, und ob Felix wieder aufgetaucht sei. “Nein”, sagte ich und kämpfte mit den Tränen, “aber ich kann ihn doch nicht einsperren, nur weil ich ihn vor Gefahren beschützen möchte oder Angst hab ihn zu verlieren.”
Meine Tränen trockneten, wir aßen Nudeln, tranken Wein und unterhielten uns, als ich plötzlich ein Miauen hörte. Erst dachte ich, einer meiner Gäste hätte sich einen schlechten Scherz erlaubt. Dann ein erneutes Miauen, abrupt drehte ich mich um. Im Türrahmen stand Felix, schaute mich vorwurfsvoll an, maunzte und warf sich auf den Fußboden. Überglücklich legte ich mich neben ihn, und wir schmusten wie ein Liebespaar nach langer Zeit der Trennung.
Vermutlich hatte ihn jemand aus Versehen in einem Schuppen oder Keller eingeschlossen und war übers Wochenende weggefahren – sein Fell roch ganz muffig.

Sechs Jahre ist das Ganze her, und Felix nimmt sich oft die Freiheit, länger wegzubleiben. Ich kann pfeifen oder rufen wie ich will, er kommt nicht. Wahrscheinlich liegt er dann irgendwo unter einem Strauch oder auf einem Heuhaufen und lässt sich die Sonne auf den Pelz scheinen. Doch irgendwann steht wieder da – und jedes Mal fällt mir ein Stein vom Herzen.
Die Angst, dass ihm etwas passieren könnte, lässt sich einfach nicht wegmogeln …



Liebe Renate,
dieses Gefühl kenne ich auch gut. Wenn Minnie nachts nicht heim kommt, bin ich meistens auch unruhig. Er ist ja noch sehr jung und alles ist neu und verheißungsvoll für ihn. Mir macht das oft Angst, aber wie Du schon sagst, ein Leben ohne Leben darf es nicht sein für unsere Katzen. Mit dem Risiko müssen wir wohl einfach leben lernen.
Liebe Grüße
von Doris
Ja, liebe Doris, mit diesem Risiko müssen wir alle leben. Auch wir selbst, wenn wir Auto fahren beispielsweise. Ich bin immer froh, wenn ich nach einer längeren Fahrt gut zu Hause ankomme. Dabei passieren laut Statistik mehr gefährliche Unfälle auf Landstraßen.
Liebe Grüße – Renate