Sir Francis – ein äußerst sozialer Kater
Heute hat mir Sabine mal wieder eine Geschichte geschickt, und weil ich sie so schön finde, veröffentliche ich sie hier.
Sir Francis Drake
Es war einmal…. so fangen viele Märchen an, doch dies ist keines.
Viele, viele Jahre ist es jetzt her, dass ich meine erste eigene Katze habe einschläfern lassen müssen. Meine einzigartige Nina. Sie war wie ein Espresso: klein, stark, schwarz, schlug Hunde jeder Art und Größe in die Flucht und hat mir viele schöne Jahre beschert. Sie ist viermal komplikationslos mit mir umgezogen – ich, ihr Mensch, war ja da.
Nun saß ich also da und heulte mir die Augen aus. Rocky, Katertier seines Zeichens, getigerte Ausführung, festgefroren vor der Kneipe gefunden, rannte in der Wohnung umher und suchte und suchte. Tagelang, wochenlang. Nachts spürte ich das vertraute Gewicht auf meinem Bauch, hörte das geliebte Schnurren, spürte das samtweiche Fell in meiner Hand. Morgens stolperte ich über eine imaginäre Katze. Oft sah ich sie aus den Augenwinkeln. Kurz gesagt: ich war total durch den Wind.
Eines Tages konnte es meine damalige ‚bessere Hälfte’ nicht mehr aushalten. Als ich abends von der Arbeit nach hause kam packte er mich am Schlafittchen und beförderte mich (unter Protest!) zum Franziskus-Tierheim. Dort war Tag der offenen Tür und weil es schon sehr spät war, waren kaum noch Menschen da.
Aber eine Katze – genauer: ein Kater. Einzig er war in der Vermittlungsstube übrig geblieben. Kein Wunder. Ein rotes Häuflein Elend mit merkwürdigen Hautveränderungen und struppigem Fellchen starrte mich aus großen Augen an. Was sollte ich tun? Hingehen, Arme drunter, mitnehmen und ab zu den Formalitäten.
Zehn Minuten später und 150 Mark ärmer saßen wir wieder im Auto. Katzenkorb? Fehlanzeige. Francis (der damals noch anders hieß) lag auf meinem Schoß. Nun mussten wir aber noch zur Rennbahn, weil wir noch Starter hatten und beschlossen, den Kater für die Zeit in eine leere Box zu sperren. Jämmerliches, durchdringendes Geheul war die Folge und wir holten ihn in die Stallstube, wo der Hund Christian (Katzenhasser!) tief und fest auf dem Sofa pennte. Francis erklomm ganz vorsichtig die Sitzgelegenheit, lief völlig unbedarft zu des Hundes Kopf und unterzog diesen einer gründlichen Katerwäsche.
Das war die Geburtsstunde einer tiefen, innigen Tierfreundschaft, die so weit ging, dass wir abends manchmal zu fünft in der Kneipe saßen. Hund mit Kater Francis zwischen den Vorderpfoten auf dem Boden, Kater Rocky auf einem Barhocker, wir am Tisch. Oft kam das nicht vor, weil Christian ja nachts Stallwache schob. Aber sie sahen sich trotzdem. Nach der Arbeit fuhr ich schnell zuhause vorbei, sammelte Francis ein und fuhr zur Rennbahn weiter. Dort stieg er wie selbstverständlich aus und stromerte mit Chris durch das Gelände bis es an der Zeit war, heimzufahren. Christian war es auch, der Krankenwache hielt, als sich Francis kurz nach seinem Einzug als Impfallergiker herausstellte. Tagelang stand es auf Messers Schneide und die vom Tierheim vorgeschriebene Nachimpfung habe ich mir dann doch lieber verkniffen. Auch die Hautveränderungen mussten behandelt werden und nach langem Raten waren die Tierärzte und wir uns einig, dass wir eine ‚Laborratte’ erwischt hatten.
Armer kleiner Kater! Viele Wochen zogen ins Land und als Weihnachten nicht mehr fern war, konnte ich stolz auf einen wunderschönen, glänzenden und gesunden Francis blicken. Allerdings hatte der seine Tücken. Der erste Freigang endete mit der Arie der ausgesetzten Katze in 44 Strophen, weil Monsigneur das Loch im Zaun für den Rückweg nicht mehr fand und ich mich durch den Dschungel des Stadtgrundstücks kämpfen musste. Löcher im Pullover, eine dreckige Jeans aber ein völlig erleichterter Francis waren das Resultat.
Francis entwickelte aber noch andere Hobbys. Zum Beispiel wunderte ich mich viele Monate lang, wieso sich andauernd irgendwelches Viehzeug in meiner Wohnung herumtrieb. Als erstes fand ich abends ein kleines Kaninchen vor. Das kleine Ding war ziemlich zerrupft und sah krank aus. Also ab zum Tierarzt damit, aufpäppeln und im Park freilassen. Ich hatte Rocky den großen Jäger im Verdacht. Mäuse, kleine Vögel und eine Schildkröte folgten. Kurz vor meinem Urlaub ereilte mich dann in meinem Büro ein Anruf:
‚In deinem Wohnzimmer piept’s!’
‚Wie? Piept??’
‚Na piept eben. Habe die Tür zugemacht, kannst nachher selber schauen.’
Schon im Flur hörte ich es. Es piepte wirklich, aber das war kein Stimmchen, das war eine ausgewachsene Stimme! Und heiser war sie auch noch. Vorsichtig öffnete ich die Wohnzimmertür – die Fahndung nach dem Urheber begann. Also hinter dem Schrank war schon mal nichts. Auch nicht unter dem Tisch. Mühsam schob ich die große Ledercouch von der Wand – und erstarrte. Vor mir saß ein fast Huhngroßes schwarzes Vogeltier und musterte mich mit einem Blick, der mich zur Beute degradierte.
‚PIIII-EEEEEP !!!!!’
So etwas Entrüstetes hatte ich noch nie gehört. Ich riss die Fenster auf und mit noch einem völlig empörten ‚PIEP’ entschwand das Monster meinen Blicken. Zurück blieb ein Kackfleck auf dem Teppich.
Nun, genug ist genug und ich beschloss, dem Arche-Noah-Phänomen in meiner Wohnung im Urlaub auf den Grund zu gehen. Es konnte schließlich nicht angehen, dass sich in Eimsbüttel ein Bermuda-Dreieck für gestrandete Tiere gebildet hatte!
Kurz entschlossen nistete ich mich auf dem Balkon meiner Nachbarin ein und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Und sie kamen. In mehrfacher Ausfertigung. ‚Fand’ Francis auf seinen Patroulliengängen ein verletztes oder krankes Tier, wo noch ein Hauch Leben drin war, brachte er es nach hause. Konnte es noch laufen, wurde es so lange von hinten angekurbelt, bis es in der Küche stand. War es ohnmächtig oder zu schwach, wurde es vorsichtig aufgehoben und heimgetragen.
Das fast huhngroße Vogeltier muss wohl irgendwo gegen eine Scheibe geknallt und besinnungslos zu Boden gegangen sein, was Francis dazu veranlasste, sofort mit seinem Notfallprogramm zur Hilfe zu eilen. Wie er es aber geschafft hat, das Riesentier zu transportieren, blieb immer sein Geheimnis.
Es folgten in seinem Leben noch viele solcher Notfelle und –federn und ich überlegte manchmal ernsthaft, ihm ein rotes Kreuz auf den eh’ schon roten Buckel zu malen und ihm ein Stethoskop mitzugeben.
Nach vielen gemeinsamen, zauberhaften Jahren verließ mich Francis im Juli 2000 für immer.
Kleiner, roter, zauberhafter Francis – ich vermisse dich noch immer. Wo gibt es schon einen Kater, der überall mit will, der gern Auto fährt und Besuche macht, der eine galoppierende Notfallpraxis hat, der jeden Tieres und jeden Menschen Freund war und der abends mit auf Kneipentour geht?
Copyright: Sabine Pönitsch
Kommentare
4 Kommentare zu “Sir Francis – ein äußerst sozialer Kater”
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was für eine tolle geschichte! ich kann die tiere direkt spüren. vielen dank fürs teilhaben lassen, sabine
Das ist wirklich eine schoene Geschichte.
Ich sage auch,vielen Dank dafuer Sabine.
Hallo Renate, die Geschichte ist zu schön, wäre das nicht was fürs neue Katzenbuch??
Lieben Gruß und eine schöne sonnige Woche
von Christiane
Ja, liebe Christiane, darüber haben Sabine und ich auch schon gesprochen…
Lieber Gruß von Renate