Mucki
Das ist Mucki. Die kleine Katze ist schon seit vielen Jahren im Katzenhimmel. Aber immer, wenn mir ein Foto von ihr in die Hände kommt, dann denke ich: ach, was war das für ein niedliches Kätzchen.

Sie war meine zweite Katze. Und wie sie in mein Leben kam, beschreibt folgende Geschichte.
„Wollt Ihr nicht ne kleine Katze adoptieren,“ fragte Annegret durchs Telefon.
„Nein danke, wir haben schon eine,“ sagte ich.
„Na und, das macht doch nichts, im Gegenteil. Eine Single-Katze fühlt sich einsam.“
„Putzel fühlt sich überhaupt nicht einsam,“ sagte ich, „im Gegenteil. Ich bin sicher, dass er sich ganz prima fühlt, so als Alleinbeherrscher von Wohnung und Dach.“
„Das kannst du gar nicht wissen, das musst du ausprobieren. Am besten gleich heute Abend. Ich komme vorbei, du kochst uns ein paar Nudeln, und ich bringe das Kätzchen mit.“
Kommt ja gar nicht in Frage … wollte ich entgegnen, aber Annegret ließ mich nicht zu Wort kommen.
„Wenn’s Stress gibt, kann ich es ja wieder mit nach Hause nehmen,“ sagte sie. Da Annegret seit vielen Jahren meine Freundin war, wusste ich, dass Widerspruch zwecklos war. Sie würde die Katze hier her schleppen, mit oder ohne mein Einverständnis.
„Guck mal, ist die nicht niedlich?“ Annegret hielt mir ein grau getigertes Kätzchen vor die Nase. „Komm, nimm sie mal.“ Sie drückte mir das Kätzchen in die Arme. Das Kätzchen kuschelte sich an meine Brust und begann zu schnurren.
„Immer muss alles nach deinem Kopf gehen,“ knurrte ich und streichelte das Kätzchen. Sein Fell war flauschig und seidenweich.
„Sie heißt Mucki,“ sagte Annegret. „Aber du kannst sie natürlich auch anders nennen,“ fügte sie beflissen hinzu.
„Ich weiß doch gar nicht, ob ich sie behalte,“ sagte ich.
„Natürlich behältst du sie,“ meinte Annegret, wieder mit diesem Ton in der Stimme, der keinerlei Widerspruch duldete.
„Das entscheidet Putzel,“ sagte ich.
„Wo ist der überhaupt?“ fragte Annegret.
„Treibt sich auf dem Dach rum,“ sagte ich, ging mit dem Kätzchen an der Brust auf die Terrasse und pfiff nach Putzel, der prompt auf dem Dachfirst auftauchte und guter Dinge auf uns zu tippelte. An der Dachrinne oberhalb der Terrasse macht er Halt und peilte zu uns runter. Er war gerade im Begriff, auf den Tisch zu springen – so wie er das immer tat, als er plötzlich stutzte und mit aufgerissenen Augen auf meine Brust schaute. Reglos stand er da, nur sein Schwanz peitschte aufgeregt hin und her. So blieb er ein paar Sekunden stehen, dann drehte er sich abrupt um und eilte wieder in Richtung Dachfirst. Dort setzte er sich, gönnte uns noch einen vorwurfsvollen Blick und verschwand auf die andere Dachseite.
„Das war’s also“ sagte ich, „das Kätzchen kannst du wieder mitnehmen.“ Ich bemühte mich gar nicht erst, meine Genugtuung zu verhehlen. Auf so eine Gelegenheit, Annegret mit ihrem unerschütterlichen Drang, anderen Menschen zu sagen, wo’s längs geht, endlich mal einen auf den Deckel zu geben, hatte ich schon lange gewartet.
„Es ist noch nicht aller Tage Abend,“ meinte Annegret. „Das gibt sich, glaub mir. Schließlich kenn ich mich mit Katzen aus…”
„Gar nichts wird sich geben,“ erwiderte ich, „du nimmst das Kätzchen wieder mit, und damit Basta.“
„Ist ja gut, reg dich nicht auf … komm, wir brutzeln wir uns erstmal was Leckeres…“
Wir gingen in die Küche, wo wir uns anschickten, Nudeln mit Tomatensoße zu kochen. Genauer gesagt kochten nicht wir beide, sondern Annegret allein. Mit war es nicht möglich zu kochen, weil ich keine Hand frei hatte. Das Kätzchen lag nämlich immer noch in meinen Armen. Und es schnurrte. Und es machte den Milchtritt an meinem Oberarm. Sanft bohrten sich die Spitzen seiner kleinen Krallen in meine Haut.
Mittlerweile war mein Mann nach Hause gekommen. Er lud sich gerade eine große Portion Nudeln auf den Teller, als er den Kopf hob. „Wo ist eigentlich Putzel,“ fragte er. Der Kater pflegte beim Essen immer neben ihm auf einem Stuhl zu sitzen und auf einen leckeren Happen zu lauern – was meistens von Erfolg gekrönt war.
„Der hat das Weite gesucht,“ sagte ich, „wegen der Katze.“
Wie auf Kommando drehten wir drei uns um und schauten zum Sofa. Dort lag das Kätzchen und schlief.
„Süß,“ sagte Alain.
„Ja, süß,“ sagte ich, „aber das nutzt nichts. Wenn Putzel die Krise kriegt wegen ihr, hat das keinen Zweck.
„Mein Gott, er wird sich schon an sie gewöhnen,“ meinte Alain. „Zwei Kätzchen sind besser als eins. Da sind sie nicht so allein…“
Annegret konnte sich ein selbstzufriedenes Grinsen nicht verkneifen und warf mir einen „siehst-du-Blick“ zu. Ich warf einen „kommt-nicht-infrage-Blick“ zurück und wickelte ein paar Spaghetti um meine Gabel.
„Da ist er ja,“ sagte Alain.
Ich drehte mich um. Putzel stand in der Terrassentür und schaute skeptisch nach drinnen. Langsam und geduckt kam er herein und blickte suchend umher. Ganz offensichtlich traute er dem Frieden nicht. Aber das Kätzchen hatte sich so tief zwischen die Kissen gekuschelt, dass er es von unten nicht sehen konnte. Sichtlich erleichtert tippelte er in die Küche, in Richtung Futternapf. Außer Schlafen war Fressen seine Lieblingsbeschäftigung.
Gesättigt kam er ein paar Minuten später raus, gähnte, streckte sich, setzte sich vors Sofa und putzte sich ausgiebig. Danach sprang er aufs Sofa, um ein Nickerchen zu machen. Das war so usus nach den Mahlzeiten. Doch kaum oben angelangt, fauchte er und sträubte das Fell. Senkrecht standen seine Haare vom Körper weg, sein Schwanz sah aus wie ein Fuchsschwanz. Mucki lag bewegungslos auf dem Rücken und schaute Putzel verstört an. Putzel schaute zornig zurück. Dann knurrte er bedrohlich, hob blitzschnell die Tatze und zog sie Mucki über den Kopf. Die schrie entsetzt auf, fetzte vom Sofa, fetzte auf die Terrasse und entschwand unserem Sichtfeld, denn mittlerweile war es dunkel geworden draußen. Putzel fetzte hinterher und war ebenfalls nicht mehr zu sehen.
„Ach du Scheiße,“ schrie ich in Richtung Annegret. „Wenn sie jetzt vom Dach fällt … was dann? Du mit deinen dämlichen Einfällen. Immer muss es nach deinem Kopf gehen…“
„Mein Gott,“ beschwichtigte Annegret, „die Kleine kann doch noch gar nicht auf die Brüstung springen, die ist viel zu hoch. Komm mach Licht an … wir werden sie gleich finden.“
Ich knipste das Terrassenlicht an, und wir gingen nach draußen.
Wir suchten alles ab. Schauten in jede Ecke, hinter jeden Blumentopf, hinter jeden Pflanzentrog. Keine Katze zu sehen. Putzel war natürlich längst hinter dem Dachfirst abgetaucht. Das war klar. Aber wo war Mucki?
Sie war und blieb verschwunden.
Annegret verabschiedete sich so gegen elf. Ziemlich zerknirscht, und ziemlich schuldbewusst. Hätte ich mir keine Sorgen um das Kätzchen gemacht, hätte ich die Situation genießen können. Aber ich machte mir nun mal Sorgen und genoss die Situation überhaupt nicht. Stattdessen suchte ich dauernd die Terrasse nach dem Kätzchen ab. Alain dagegen war die Ruhe in Person und saß vor dem Fernseher. „Jetzt mach doch nicht so ein Theater, die taucht schon wieder auf,“ meinte er und nahm einen Schluck Rotwein. Wo er diese Zuversicht hernahm, das war mir ein Rätsel. Ich war nicht nur wütend auf Annegret, sondern mittlerweile auch auf ihn.
Die Turmuhr der nahe gelegenen Kirche schlug gerade zur Mitternacht als ich mir eine Taschenlampe griff und nach unten ging, in den Garten. Leise rufend lief ich um das Haus herum und suchte nach einer verletzten Katze. Leuchtete in jeden Busch hinein – keine Katze weit und breit. Zumindest nicht die, nach der ich suchte.
Irgendwann gab ich auf und ging ins Bett. Alain lag längst im Tiefschlaf, ich hingegen lag wach. Andauernd stand ich auf und schlich in der Wohnung und auf der Terrasse herum. Immer von der Hoffnung erfüllt, Mucki könnte wie durch Zauberhand wieder aufgetaucht sein. Nichts!
Am nächsten Morgen, relativ früh, um sieben Uhr, klingelte das Telefon. Die Nachbarin, die direkt unter uns wohnte, war am Apparat. Auf ihrem Balkon befände sich eine kleine Katze, sagte sie. Ob die vielleicht uns gehöre. Mucki war also tatsächlich vom Dach gefallen und auf dem Balkon unter uns gelandet.
„Ja,“ rief ich überglücklich, „die gehört uns.“ Ich warf mir den Bademantel um und rannte die Treppe runter. Die Nachbarin kam mir bereits entgegen, mit Mucki auf dem Arm. Die kleine Katze war unverletzt. Was für ein Glück hatte sie gehabt!
Die Frage, ob wir sie behalten sollten, stellte sich nicht mehr. Selbstverständlich behielten wir sie! Und Putzel hat sich schnell an sie gewöhnt. Es dauerte keine zwei Wochen, und sie schliefen Po an Po auf dem Sofa, oder in unserem Bett, oder an einem anderem ihrer vielen Lieblingsplätze. Und wenn sie nicht schliefen, tollten sie gemeinsam durch die Wohnung und jagten hinter einander her. Es war eine Wonne, ihnen dabei zuzuschauen. Zwei Katzen sind wirklich besser als eine!
Ach ja: wie Mucki aufs Dach gekommen ist? In einem Strauch hoch geklettert. Von da auf die Brüstung war’s dann nur noch ein Katzensprung. Dieses Kunststückchen hat sie uns am selben Tag noch mehrmals vorgeführt. Runter gefallen ist sie Gotteidank nicht mehr. Sind ja nicht doof, die Katzenviecher …
Diese Geschichte ist veröffentlicht in dem Kurzgeschichtenbuch “Auf leisen Sohlen“.
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ach, was für eine schöne Geschichte. Und ich hätte sie auch behalten. So eine Süße.
LG
Danny mit den LuLs