Freude und Dankbarkeit

Lili

Drei Monate ist es nun her, dass meine süße kleine Lili operiert wurde. Und ich erinnere mich noch sehr gut an die bangen Stunden und Tage, in denen ich mir überlegte, wie ich denn bei so tief gefrorenem Boden meine Katze beerdigen könne. Ja, ich hatte die Befürchtung, dass Lili nicht überleben würde.

Wer jemals erlebt hat, wie es ist, dass die Katze nicht mehr frisst und immer dünner wird und auch die Ärzte mit ernstem Gesicht dastehen und sagen “das sieht nicht gut aus”, der weiß, wie sich die Lebensfreude aus dem eigenen Herz stiehlt und einer dunklen Angst Platz macht und die Frage auftaucht, warum dieses kleine Kätzchen so leiden muss. Denn Lili hatte Schmerzen und ihr war auch übel. Meine sonst so lebendige und kesse kleine Lili lag nur noch apathisch rum und hatte offensichtlich keinen Spaß mehr am Leben.

Als sie dann nach der Operation zum zweiten Mal den Appetit verlor, trotz Kortison, war ich wirklich verzweifelt. Was sollte ich denn nun noch tun können? Die Kortisondosis erhöhen, das war die Antwort der Tierärztinnen. Warum aber die Dosis erhöhen, wenn das Kortison grundsätzlich den Appetit nicht wieder herstellte. Diese Frage stellte ich mir an einem Montag Vormittag, als Lili nichts, aber auch nicht das kleinste Fitzelchen fressen wollte. Auch kein Tröpfchen Joghurt, das sie sonst mit Begeisterung weggeschlabberte. Mir war wirklich schlecht vor Angst, sie zu verlieren. Meine kleine Lili, dieses anhängliche Pelztierchen, das mir auf Schritt und Tritt folgt und mich maunzend empfängt, sobald ich mit dem Auto auf den Hof fahre. Sie brettet die Katzenleiter runter, wirft sich in den Staub, wälzt sich hin und her und zeigt so deutlich ihre Freude über meine Rückkehr, dass ich jedes Mal gerührt bin über diese Liebe. Und dieses hübsche, zärtliche und anhängliche Tier sollte ich verlieren? Sie ist doch erst neun Jahre alt. Kein Alter für eine Katze – zumindest keines zum Sterben.

Ich rief die Tierheilpraktikerin an und sagte ihr, dass Lili schon wieder nichts mehr fräße. “Komm her mir ihr”, meinte sie, und ich packte Lili in den Korb. Mit einem kleinen bisschen Hoffnung im Herzen.

Bei der Heilpraktikerin tippelte sie ohne Angst durch die Behandlungsräume und ließ sich auch problemlos Tröpfchen verpassen – mit einer Pipette ins Mäulchen getropft. Danach wurde ihr noch ein kräftigendes und sehr nahrhaftes Aufbaumittel verabreicht, und eine Spezialmischung aus verschiedenen Globuli gemischt. Ich fragte mich allerdings, wie ich ihr die verabreichen sollte, denn dieses Geschick der Heilpraktikerin habe ich definitiv nicht, und ich konnte mich noch gut an Lilis Biss erinnern, als ihr das Kortison gespritzt wurde. Von meiner Nachbarin, Humanmedizinerin. Ich hielt Lili dabei fest und genau das kann Lili nicht leiden. Sie hat mich derart in den Kopf gebissen, dass mir das Blut den Hals runterlief. Wie also sollte ich meiner kleinen Katze das Medikament verabreichen? Und würde ich es schaffen, ihr das Aufbaumittel einzufllößen.

Mit diesen Fragen im Kopf fuhr ich mit Lili wieder nach Hause. Es war Montag Mittag, so gegen zwölf. Zuhause angekommen, legte Lili sich erstmal aufs Sofa und hielt ein Mittagsschläfchen. Ich kochte derweil Putenfleisch, das sollte ich ihr verabreichen, mit gekochten Möhren und Reis. Diese Mischung habe ich ihr dann vor die Nase gestellt, aber Lili hat sie nicht angerührt! Ich war völlig verzweifelt. Ich träufelte das Aufbaumittel auf meinen Finger und hielt es ihr vors Näschen. Sie schnupperte und leckte es ab. Ganz fix – wie einen Leckerbissen. Was für eine Freude, und was für eine Erleicherung. Wenigstens das Aufbaumittel schmeckte ihr. Das war schon mal etwas!

Eine Stunde später dann schnitt ich das Putenfleisch in kleine Scheibchen, träufelte das Aufbaumittel darüber und stellte es ihr wieder vor die Nase. Meine Hoffnung, dass sie fressen würde, war gering. Sehr gering! Doch war geschah? Lili schnupperte an dem Zeug im Tellerchen, und dann fing sie an zu fressen. Sehr langsam, wie gewohnt, denn sie schlingt ihr Futter nicht runter wie Felix, sondern beschnuppert jedes Körnchen, jedes Bröckelchen von links nach rechts und zurück, und erst dann frisst sie – falls ihr der Geruch zusagt. Und der Geruch von dem Putenfleisch und dem Aufbaumittel sagte ihr zu. Ich schnitt noch ein bisschen Fleisch klein … und Lili fraß.

Und so ging es dann weiter. Jeden Tag futterte sie Putenfleisch und Aufbaumittel. Und von Tag zu Tag wurden die Portiönchen größer. Am Samstag dann versuchte ich es mit dem Diätfutter – ich streute ihr ein paar Körnchen auf den Fußboden. Und was geschah? Lili schnupperte – und fraß. Grp, grp, grp – das schönste Geräusch auf der Welt. Dann stellte ich ihr Joghurt hin – mit fünf Tröpfchen Nachtkerzenöl. Dieses Öl ist gut gegen Entzündungen, und Lili sollte davon jeden Tag eben fünf Tröpfchen zu sich nehmen. Auch diese Mischung schmeckte ihr. In Nullkommanix war das Joghurt mit dem Öl weg geschlabbert.

Seit fast drei Monaten geht das nun so. Und nach anfänglichen Schwierigkeiten, gelingt es mir nun auch, ihr die Globuli-Mischung ins Mäulchen zu träufen. Ihr halte ihr Köpfchen nach oben und träufle die Tröpfchen aufs Mäulchen. Schlabber, schlabber, schlabber … und die Tröpfchen sind geschluckt.

Vor kurzem wurde die Globulimischung ein bisschen geändert. Warum und wie, das weiß ich nicht, weil ich von Homöopathie keine Ahnung habe. Ich muss das auch nicht wissen, Hauptsache ist, dass Ingrid, die Heilpraktikerin weiß, welchen “Hexentrank” sie da zusammen mixt. Schließlich war es ja auch ihre Mixtur, die Lilis Appetit wieder zum Leben erweckt hat. Ich bin Ingrid dafür sehr dankbar, und meine Freude darüber, dass Lili wieder ganz die Alte ist, mit sichtbaren Vergnügen durch Wohnung und Garten jagt, ihre Mitbewohner anfaucht und immer wieder an ihren Futterplatz tippelt, wo sie darauf wartet, dass ihr ihr was zu Fressen gebe, ist unendlich groß.

Das Fell am Bäuchlein wächst auch fleißig nach, nur die Unterwolle braucht wohl noch ein paar Monate. Aber das ist ja nun wirklich egal.

Nachsatz: Es ist immer wieder erstaunlich, dass ich kleine Keulenschläge braucht, um etwas zu schätzen und zu lieben, von dem ich denke, es sei selbstverständlich. Aber mir ist durch dieses Erlebnis mit Lili – mal wieder – bewusst geworden, dass nichts im Leben selbstverständlich ist. Absolut gar nichts…

6 Kommentare zu „Freude und Dankbarkeit“

  • Doris:

    Eine Geschichte zum Mitfreuen, liebe Renate.

    Liebe Grüße
    von Doris

  • Ach herrje, jetzt hatte ich Tränen in den Augen :(. Die Geschichte ist sooooo schön. Und ich freue mich total das Lili wieder sooo munter und fit durchs Leben geht.
    LG Melly

  • Danke schön fürs mitfreuen dürfen. :)

    Selbstverständlich darf man nichts nehmen, stimmt. Ich bin auch täglich dankbar dafür, dass mein Merlin wieder heim gekommen ist, weil mir bewusst ist, dass es für eine Katze im Freien ziemlich abenteuerlich ist.

    Sonntägliche Grüße, Tatzelwurm

  • Hab schon lange nicht mehr hier vorbeigeschaut. War einfach zuviel los bei mir. Und da ist es doch besonders schön, zu lesen, daß es deiner süßen Lili wieder so richtig gut geht. Und deine schönen Photos genieße ich auch!
    Liebe Grüße, Mizi

  • Susanna Wierichs:

    Das ist Liebe und wahres Glück!
    Ich denke, dass die meisten unserer geliebten Samtpfoten genau wissen, dass wir ihnen gut tun und ihnen helfen, wenn es ihnen schlecht geht. Sie begeben sich getrost in unsere Hände und vertrauen uns. Deshalb schenken sie uns auch die Glücksgefühle, indem sie uns ganz schnell zeigen, wenn es bergauf geht. Selbst wenn es kleinste Zeichen sind.
    Beängstigend wird es, wenn man ein halb wildes Tier hat, dass noch den Urinstinkt des einkuhlens hat. Geht es ihm schlecht, verschwindet es in den Garten, in die Natur und gräbt sich irgendwo gut versteckt ein um entweder zu überleben oder zu sterben. Für uns begann dann immer die furchtbare Suchen nach der Nadel im Heuhaufen! Wir hatten fünf oder sechs mal so eine Situation. Zum Glück fanden wir den geliebten Kater immer wieder, einmal erst nach zwei Tagen. Im Laufe der Zeit hat er aber doch gelernt, dass er lieber bei uns blieb, um sich schnell helfen zu lassen. Diese wunderbare Annäherung ist für mich bis heute noch das absolute und größte Glück.
    katzenkuscheliges Wochenende

  • So extrem wie bei Lili war es bei klein Katze ja noch nicht. Aber auch mir gingen in den letzten Wochen oft ähnliche Gedanken durch den Kopf.
    Und was nun mit Allegra ist, wird sich hoffentlich bald herausstellen. Doch ich befürchte, dass es bei ihr und dem Katertier noch so manchen schulmedizinischen Irrweg geben wird …
    Schön, dass Ihr jetzt eine Heilpraktikerin gefunden habt, die Lilis Schwachstellen aufspürt. Ich wünsche Euch eine glückliche gemeinsame Zeit!
    Liebe Grüße
    Silke

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