Fortsetzung der Geschichte

Angst um Lili – II.

Lilis Appetit war nie besonders groß gewesen. Kleine Portionen, sehr gemächlich verputzt. Schlingen Felix und Lieschen ihr Futter im Zeitraffer runter, lässt Lili sich Zeit. Sie beschnuppert jedes einzelne Körnchen und prüft, ob es ihrem Geschmack zusagt, denn sie frisst beileibe nicht alles, was ich ihr hinstelle. Vermutlich hat sie einen sehr guten Sensor, der ihr sagt, was bekömmlich ist und was nicht. Dass Lili einen empfindlichen Magen hat, weiß ich schon lange.

Es war vor ungefähr sieben Jahren – als sie noch weniger futterte als normal und schließlich gar nichts mehr fraß. Die Tierärztin diagnostizierte damals eine Magenschleimhautentzündung. Lili bekam Medikamente und der Appetit kehrte zurück. Ein Jahr später wieder das gleiche – der Appetit wurde täglich geringer. Die Tierärztin runzelte die Stirn und meinte, Lilis Blut müsse untersucht werden, möglicherweise habe sie Leukose. Zuhause habe ich natürlich sofort im Internet nachgeschaut, was das für eine Krankheit ist, und dabei erfahren, dass sie tödlich verläuft und außerdem ansteckend ist. Was für ein Schock. Dann stünde Felix und Lieschen Ähnliches bevor.

Gott sei Dank war es keine Leukose, sondern wirklich nur eine Entzündung der Magenschleimhaut. Sie bekam wieder Medikamente und so ging es weiter. Einmal im Jahr verlor Lili ihren Appetit. So auch in der Woche vor Weihnachten, wo sie auf Herz und Nieren untersucht wurde – mit der üblichen Diagnose.

Drei Wochen nach Weihnachten musste ich ihr das Futter erneut hinterher tragen. Sie nahm ein Bröckelchen oder zwei und trottete von dannen. Selbst der sonst so heiß geliebte Ziegenfrischkäse ließ sie kalt. Sie schnupperte daran und wandte sich ab. Auch am Thunfisch leckte sie nur kurz. Auch am speziell für sie gekochten Hähnchenfleisch hatte sie kein Interesse. Ich rief die Tierheilpraktikerin an, die ich mittlerweile kennengelernt hatte, weil ich es auch mal mit alternativen Heilmethoden versuchen wollte, und die meinte, unter den geschilderten Umständen solle ich Lili wieder in die Tierklinik bringen, aber in eine andere als beim letzten Mal. „Die sind sehr gut dort“, meinte sie lediglich.

Ich bekam noch am selben Tag einen Termin und packte Lili in den Korb. Lili hasst Autofahren und schrie am Stück während der gesamten Fahrt, die Gott sei Dank nur so um die zwanzig Minuten dauerte. Dafür durften wir dann eine geschlagene Stunde warten.

Als es endlich soweit war, beschrieb ich der Ärztin die Situation und überreichte die bisherigen Untersuchungsergebnisse. Einen Teil hatte sie bereits per Fax bekommen. Sie hörte und sah sich alles an, machte ein bedenkliches Gesicht und meinte, es müsse erneut eine Ultraschalluntersuchung gemacht werden. Auch Blut müsse noch mal abgenommen werden.

Dass mit Lili nicht gut Kirschen essen ist, hatte jeder im Raum bereits mitgekriegt. Also blieb nichts anderes übrig, als sie in Narkose zu legen. In eine „leichte“, meinte die Ärztin. Eine halbe Stunde später lag Lili auf dem Tisch und ließ alles widerstandslos über sich ergehen. Der Flaum des nachwachsenden Fells war abrasiert, das Bäuchlein nackt und mit Gel beschmiert. Meine benommene kleine Katze tat mir unendlich leid. Wie gern hätte ich sie in den Arm genommen und gestreichelt, aber jetzt musste erst ihr Darm untersucht werden.
„Sehen Sie hier“, sagte die Ärztin und deutete auf den Bildschirm ihres Computers, „hier ist ein Stück Darmschlinge, das nicht arbeitet. Es bewegt sich nicht.“ Mir sagte das natürlich nichts, ich erfuhr dann aber, dass es nichts Gutes bedeutet. Als ich wissen wollte, warum das bei der Untersuchung wenige Wochen zuvor nicht bemerkt worden sei, zuckte die Ärztin mit der Schulter, und ihrem Gesichtsausdruck konnte ich entnehmen, dass sie sich das auch fragte. Dieselben Probleme, dieselben Symptome und damals sollte mit Lilis Darm alles in Ordnung gewesen sein? Das leuchtete mir nicht ein. Der Ärztin offensichtlich auch nicht, aber sie sagte nichts. Nun gut, ob damals etwas übersehen wurde oder nicht, spielte jetzt keine Rolle mehr. Die Situation war so, wie sie war und sie war überhaupt nicht gut.

Es sei vermutlich das Beste, Lili zu operieren, meinte die Ärztin. Sie wolle aber die Blutergebnisse abwarten, ich solle am nächsten Tag anrufen, um die weitere Vorgehensweise zu besprechen. Ich packte meine rammdösige Lili ein und fuhr nach Hause. Dort torkelte sie wie betrunken durch die Wohnung, fraß nichts, trank nichts und ihr Köpfchen fühlte sich ganz heiß an. Vermutlich hatte sie Fieber. Ach, Lili, meine geliebte Lili …
Auf dem Sofa schmusten wir dann inniglich miteinander, und mit traurigen Gedanken ging ich für meine Verhältnisse sehr früh ins Bett. Meine anhängliche, kranke Lili kuschelte sich zu mir und schnurrte leise. Ich schlief sehr schlecht in dieser Nacht, und die Träume waren auch nicht besser.

Die Geschichte stammt aus meinem Buch “Auf Samtpfoten direkt in mein Herz”.
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3 Kommentare zu „Fortsetzung der Geschichte“

  • Eigentlich wollte ich mir das Buch noch etwas aufheben, aber die Spannung ist ja fast nicht zu ertragen…

  • Aber es ist schon mal gut zu wissen, dass eure Geschichte gut ausgeht, wie man ja am Foto deiner platzsparenden Lili sehen kann.
    LG samsch

  • renate:

    Ja, Gott sei Dank geht die Geschichte gut aus. Aber es waren schwere Tage und Wochen. Für Lili und mich gleichermaßen.

    Liebe Grüße
    Renate

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