Eine Katzengeschichte aus der Schweiz
Gehäuft, nicht gestrichen!
Vergessen Sie alles, was Sie bisher über zuverlässige Weck-Methoden zu wissen glaubten, denn wenn es ein zuverlässiges Wecksystem gibt, dann ist es gewiss nicht der Wecker von Braun, auch nicht die Atomuhr in Frankfurt oder eine Kuckucksuhr aus der Schweiz. Nein, es ist der Dschinghis Khan der Züricher Vorgärten, der Napoléon Bonaparte des Kompostwalmes, der Hernán Cortés (spanischer Eroberer, Anmerkung der Redaktion) der Nachbarsveranda!

Und hier kommt er auch schon, er, der ganz in Erfüllung seiner Katerpflichten nur dann einen Hauch von Schmusigkeit zeigt, wenn es ihm der Duft einer frisch aufgerissenen Futtertüte diktiert. Gemäß dem Codex, immer seine Wehrhaftigkeit demonstrieren zu müssen, graben sich bei dem Gang über die Schlingware des Schlafzimmers seine peinlichst genau polierten Krallen geräuschvoll in die Kunstfasern, und seine beiden Lauscher, die in der morgendlichen Dämmerung ein wenig an die Präzisionsohren der Fledermäuse erinnern, orten bereits bei dem ersten Einbiegen in das Schlafgemach jeden noch so kleinen Hinweis darauf, ob das katereigene Personal unter Umständen seinen naturgegebenen Pflichten nachkommt und ihm die selbstverständliche Ehre zu Teil werden lässt, die erste Nahrungsaufnahme des Tages in Angriff zu nehmen. Aber da diese blöden Menschen natürlich nicht über die außerordentliche Fähigkeit der Katzen verfügen, Zeit als eine völlig überflüssige Erfindung anzusehen, wundert es ihn selbstredend nicht, dass er wieder einmal den Zweipfotlern auf die Sprünge helfen muss. Faules Pack das!
Eine Unverschämtheit, jetzt muss er dazu sich auch noch ausgerechnet diesen haarlosen Wesen auf weniger als zehn Zentimeter nähern und auf deren Sammelstelle miefiger Schlafesluft hopsen! Immerhin hat das Personal für eine jener Kunststoffdecken gesorgt, die so herrlich an den langen Barthaaren kitzelt, wenn sie ein wenig elektrostatisch aufgeladen ist, aber damit hat sich auch schon die Freude an der menschlichen Schlafstätte erschöpft. Und überhaupt ist es kaum nachzuvollziehen, wie man nicht alle paar Stunden den Ort der wohlverdienten Döserei wechseln kann. Sehr merkwürdige Wesen!
Aber es gilt das Hauptproblem so schnell und effektiv wie nur irgend möglich zu lösen: Der chronisch leere Katermagen muss gefüllt werden. Fangen wir mit der zivilen Methode an. Man setze sich hierzu exakt auf Gesichtshöhe des Menschen und putze sich das Fell oder vorzugsweise den Genitalbereich und beweise eindrücklich, dass man das lauter machen kann als so mancher schmatzender Igel, der eine Schnecke vertilgt. Wenn das nichts hilft, kommt die nächste Stufe, die Demonstration des eigenen Kampfgewichtes. Und wo kann man das am besten unter Beweis stellen? Richtig, auf dem Körper des Personals, denn wenn etwas diese komischen Wesen nervös macht, dann die geringer werdende Luftzufuhr, bedingt durch das eigene, für Kater selbstverständliche Körpergewicht. Aufgemerkt: diese Methode ist besonders erfolgreich, wenn das Subjekt der Tortur dabei auf dem Bauch liegt.
Nur leider funktioniert das heute nicht, denn irgend jemand hat so ein Ding mit Namen „Zeitumstellung“ erfunden. An diesem Tag ist das Personal extrem unwillig, also müssen schwere Geschütze aufgefahren – oder ausgefahren? – werden. Manchmal hilft da bereits das diskrete Positionieren der kalten Pfote vorzugsweise zwei Zentimeter unterhalb der Augen des Personals, dort wo sich die Haut besonders dünn über den Gesichtsknochen spannt, manchmal aber muss auch eine einzelne, besonders intensiv angespitzte Kralle zur Hilfe genommen werden. Eine reicht völlig aus, man muss so nicht alle fünf hinterher putzen.
Heute ist ihm das aber zu viel Aufwand und lange herumfackeln ist sowieso nicht sein Ding, jetzt gibt es eben Saures, im wahrsten Sinne des Wortes! Er, der sonst so pingelig bei dem Gout der Gelee-Katzenfutterportionen (was sonst?) ist, hat auf einmal keinerlei Bedenken, durch deutlich spürbare Bisse in Arme, Beine, Handgelenke oder Zehen seine Anwesenheit zu unterstreichen. Wäre der Geschmack von Menschen angenehmer, so würde er das mit Sicherheit öfters machen, aber was bleibt ihm anderes übrig, wenn das Fußvolk die eigene gottkaiserliche Katzenhaftigkeit durch schläfrige Ignoranz unterwandert?
Und da wir schon bei der Bearbeitung der Rückseiten dieser aufsässigen Dosenöffner waren, hier nun der ultimative Hinweis für schnelles Aufwecken solcher renitenten Schlafmützen: Wieso sich in die Schlingen des Fußbodens krallen, wenn der Rücken des Faulpelzes viel besser dazu geeignet ist? Nun gut, manchmal muss auch die Geheimwaffe eines anständigen Katers gezündet werden. Wenn das alles nichts hilft … eine gerade noch so lebende Maus im Bett der Bediensteten wird es schon richten, oder glauben Sie etwa, er würde die kleinen Flohschleudern als Ersatz für serviertes Futter zu sich nehmen?
Unser Kater ist ein waschechter Kater, und eigentlich ist es auch spannend, zu entdecken, welche neuen Methoden er entwickelt, um an sein geliebtes Gelee zu kommen, wenn da nicht ein Problem wäre: er macht seine Zeitumstellung von Tag zu Tag neu, ganz in Abhängigkeit von seinem Magen, aber der ist nun einmal der zuverlässigste Wecker, den man haben kann. Da fällt auch das Geschrei nicht mehr ins Gewicht, wenn seine Majestät Ungeduld der Erste anschließend nach allen Regeln der Revierskunst diverse Nachbarskatzen verkloppt.
Unnötig zu erwähnen, dass erfolgreiches Verdreschen selbstredend auch mit einer extra Tüte Gelee belohnt sein will. Zur Not reicht auch eine Hand voll Trockenfutter in der Hand. Gehäuft, nicht gestrichen!
Jens Liedtke
Diese Geschichte wurde veröffentlicht in: Das kunterbunte Katzenbuch
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