Die Katze im Kaninchenpelz
Das zweitliebste Haustier des Menschen in Deutschland ist der Hund. Das allerliebste die Katze.
Was mich betrifft, so bevorzuge ich Katzen. Weil sie nicht stinken, wenn sie in den Regen kommen, sondern höchstens ein bisschen nach nasser Schafwolle riechen. Und weil sie nicht hysterisch bellen, wenn sie sich freuen, sondern nur leise schnurren. Und weil man mit ihnen nicht Gassi zu gehen braucht, wenn sie mal müssen. Und weil sie einem als Liebesbezeugung nicht mit schlabberiger Zunge übers ganze Gesicht lecken, sondern mit trocken-rauhem Zünglein höchstens die Nasenspitze reiben.
Fragt man aber beliebige Zeitgenossen, was sie an Katzen ganz besonders schätzen, kann man Wetten darauf abschließen, dass sie sagen, „weil sie so eigenwillig sind“. Ich halte diese Aussage entweder für unreflektiert oder für gelogen. Denn genau diese Eigenwilligkeit ist es, die ich an diesen Pelzviechern absolut nicht leiden kann. Liege ich beispielsweise neben meiner Katze auf dem Sofa und bekomme Lust, mit ihr zu schmusen, hat diese garantiert keine Lust dazu, sondern wendet sich demonstrativ ab oder verlässt mit peitschendem Schwanz die Liegestatt und sucht sich ein Plätzchen, an dem sie von mir unbehelligt bleibt. Sie wetzt unters Bett, beispielsweise, oder springt mit einer eleganten Bewegung auf den Schrank.
Habe ich einen Termin beim Tierarzt, weil sie geimpft werden muss, kann ich Gift darauf nehmen, dass sie sich diskret aus dem Staub gemacht hat und in aller Seelenruhe unter irgendeinem Strauch im Garten liegt.
Ich kann rufen und pfeifen so lange ich will, sie taucht garantiert nicht auf. Ich muss den Termin absagen und darauf hoffen, dass der Tierarzt irgendwann Zeit hat, wenn die Katze sich im Haus aufhält und ich sie packen und in den Korb bugsieren kann. Was sie übrigens nicht ausstehen kann. Sie wehrt sich, faucht und kratzt und meine Arme sehen jedes Mal aus, als hätte ich mit einem Rosenstrauch gekämpft.
Befehle ich meiner Katze, dem Fisch, der zum Auftauen auf der Anrichte liegt, fern zu bleiben, schaut sie mich mit großen, verständnislosen Augen an, und ich kann sicher sein, dass sie an dem Fisch herum knabbert, sobald ich der Küche den Rücken kehre.
Sage ich – in kategorischem Ton und untermalt mit drohender Gebärde des Zeigefingers – zu meiner Katze nach dem Ausflug bei Regen in den Garten, sie solle sich unterstehen auf den Sessel zu springen, kümmert sie das genauso wenig. Sekunden später steht sie auf dem hellen Leinen, schaut mich freundlich an und macht den Milchtritt. Dann lässt sie sich nieder und ringelt sich zum Schlaf ein – auf einem hübschen Muster schmutziger Pfotenabdrücke. (Wie konnte ich auch nur auf die schwachsinnige Idee kommen, Sofa und Sessel mit hellem (teuren!) Leinen überziehen zu lassen?)
So eine Katze lebt durchschnittlich fünfzehn Jahre und kostet ihren Besitzer (Tierarzt und Futter) rund zwölftausend Mark (zerfetzte Gardinen, zerkratzte Möbel und Sofabezüge nicht gerechnet). Das ist ein Haufen Geld, mit dem man prima Urlaub machen könnte. Beispielsweise.
Aber nun ist ein pfiffiger Mitmensch auf eine ganz hervorragende Idee gekommen. Er hat eine Katze geschaffen, bei der lediglich ein paar Euro für die Anschaffung entstehen und alle anderen Probleme wegfallen. Er hat eine Katze geschaffen, die in äußerst reinlichem Zustand den ganzen Tag nur auf dem Sofa liegt und weder Futter- noch Tierarztkosten verursacht. Sie verunstaltet auch keine Möbel und knabbert keinen Fisch oder sonstige Lebensmittel an. Und sie sieht wirklich echt aus. Ihr Fell ist auch echt. Allerdings stammt es von einem Kaninchen. Aber das macht ja nichts, finde ich.
Jetzt müsste der Schöpfer dieser ultimativen Katze nur noch den ultimativen Mann erfinden. Der würde dann den ganzen Tag dekorativ auf dem Sofa sitzen und einen guten Eindruck machen. Er würde nett vor sich hin lächeln, nicht widersprechen, nicht schmutzen, nicht rauchen, nicht schnarchen, nicht die Klobrille oben lassen, nicht die Sportschau gucken, während ein Film mit Robert Redford läuft, nicht nach anderen Weibern schauen, die Zahnpastatube nicht in der Mitte quetschen, seine schmutzigen Klamotten nicht herumliegen lassen, die Zeitung nicht in Einzelteile zerlegen, nicht spät in der Nacht angetrunken nach Hause kommen und keine blöden Bemerkungen von sich geben, wenn ich stundenlang mit meiner Freundin telefoniere.
Einen winzigen Nachteil allerdings hätte dieser ultimative Mann. Er würde auch dann auf dem Sofa sitzen und nett vor sich hin lächeln, wenn mir der Sinn nach etwas ganz anderem stünde. Aber wie lernen wir aus Billy Wilders “Some like it hot”: Nobody is perfect – Na also …
Renate Blaes
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