Die schöne Rote
An einem wunderschön sonnigen Tag ging eine Katzenfreundin mit ihrer heiß und innig geliebten roten Fellnase zu deren Tierärztin, um die fälligen Impfungen vornehmen zu lassen. Schon seit längerer Zeit träumt sie von kleinen, wuscheligen Fellnasen und hofft sehr, dass die schöne Rote ihr den so sehnsüchtig erwarteten Kindersegen bescheren wird. Sie hatte sogar bei ihrem letzten Tierarztbesuch auch schon mit der Ärztin über diesen Traum gesprochen. Bei diesem Termin hatte die Frau Doktor die wunderschöne Rote als Waldkatze/EKH-Mischling bestimmt. Heute nun, kaum lag die Begrüßung hinter den beiden, wollte die Tierärztin interessiert wissen, ob unsere Katzenfreundin inzwischen schon einen Kater für die Rote gefunden hätte und fügte an, dass ein Ragdoll-Kater ihrer Meinung nach gut passen würde!
Kaum zu Hause angekommen, begab sich unsere Katzenfreundin flugs an ihren PC und ergoogelte Ragdollzuchten. Nachdem sie eine in ihrer Nähe gefunden hatte, schrieb sie geschwind eine E-Mail, fügte Fotos der Roten bei und bot sie dem Züchter kurzerhand als “Katzenmutter” an. Nachdem der Züchter sich vergewissert hatte, dass er nicht träumt, schrieb er unserer Katzenfreundin zurück. Er drückte sein Unverständnis über dieses Ansinnen aus und verwies auf die vielen, in Tierheimen lebenden Mischlinge. Sollte hinter ihrer Idee allerdings eine ernsthafte Zuchtbestrebung stecken, bat er sie darum, sich zunächst gründlich über die Rasse zu informieren, mit vielen Züchtern zu sprechen, einem Verein beizutreten, eine Cattery zu gründen – und registrieren zu lassen – und sich dann, in aller Ruhe, nach den richtigen Katzen umzusehen.
Diese sehr lobenswerten Informationen wurden von der engagierten Katzenoma in spe als scharfe Reaktion eines beschränkten Züchtergehirns verstanden. Sie, die die derzeitige Globasierung so versteht, dass über kurz oder lang alle Rassen miteinander verschmelzen, hält von Zucht und Rassenseparierung, wie sie es, als Anthropologin, ausdrückt, nichts. Den sonderbaren Regeln eines Vereins würde sie sich nicht unterwerfen wollen und überhaupt wolle sie ja gar nicht züchten. Sie ging sogar soweit, auf Herrn H. aus B. in Österreich zu verweisen, der in der Zeit von 1933 bis 1945 in Deutschland sehr umtriebig war …
Was wollte sie uns wohl damit sagen? Stellt sie Züchter wirklich auf eine Stufe mit diesem Ungeheuer in Menschengestalt und seinem Rassenwahn? Wir können kaum glauben, dass sie es ernsthaft so gemeint haben könnte, und hoffen, dass sie im Überschwang der Gefühle, schlicht und ergreifend, einfach übers Ziel hinausgeschossen ist!
Zurück aber zur wunderschönen, und charakterlich sehr liebenswürdigen, Roten. Wie steht es denn nun um sie und ihre zukünftige Verplanung als Katzenmutter? Der Entschluss unserer empörten Katzenfreundin lautet wie folgt: Die freiheitsliebende Katze wird sich auch weiterhin ihren ‘Buben des Herzens’ frei wählen dürfen. Unsere Katzenfreundin liebt ihre Tiere nicht nur, sie kümmert sich auch um sie und lässt es ihnen an absolut nichts fehlen. Auch nicht an übertragbaren Krankheiten wie FIV oder Leukose (FeLV), die beide tödlich enden und beim Geschlechtsakt oder bei Kämpfen übertragen werden.
Ganz sicher sorgt sie auch hervorragend für 1-9 knuddelige Lastramis (Landstraßenmixe), sofern sie diese überhaupt zu sehen bekommt. Selbstverständlich hat sie auch schon feste Zusagen gut informierter Katzenliebhaber, so dass keine Gefahr besteht, dass die Fellknäule im örtlichen Tierheim landen, oder als ebenfalls potente Freigänger ihrer Mutter nacheifern.
Die wunderschöne Rote darf sich auch weiterhin dem Stress des Rollens hingeben. Gut versorgt wie sie ist, kann sie, wenn sie nicht belegt wird, jeden Monat rollen. Das macht aber nichts, denn davon bekommt unsere Katzenfreundin möglicherweise gar nichts mit. Viele Freigängerinnen bleiben in dieser Zeit nämlich oft einfach außer Haus.
Abwechslungsreich und gefährlich wird das Leben der zukünftigen Katzenmutter auch weiterhin sein. Sie wird ihren Radius, in dem sie sich üblicherweise bewegt, während der Brunst erweitern und zwangsläufig in die Reviere anderer potenter Katzen eindringen, die dies nicht unbedingt dulden werden. Kämpfe sind die Folge. Manche mit tödlichem Ausgang. Die meisten von ihnen verlaufen hoffentlich ‘nur’ mit kleineren oder größeren Blessuren. Von, während der körperlichen Kontakte erworbenen Mitbringseln wie (evtl. krankheitsübertragenden) Flöhen, Milben und/oder hartnäckigen Hautpilzen, wollen wir gar nicht erst anfangen zu reden.
Vielleicht läuft sie eines Tages blind, nur die Duftspur eines potenten Katers beachtend, vor ein fahrendes Autos. Diese Auseinandersetzung wird wohl nicht so glimpflich ausgehen. Aber nicht nur sie lebt gefährlich … als Erstgebährende lässt sie eventuell ihren Wurf einfach liegen, weil sie nichts mit ihm anzufangen weiß. Oder sie stirbt mutterseelenallein während der Geburt, weil niemand da ist, der ihr helfen könnte. Woher soll unsere Katzenfreundin auch wissen, ob und wann ihre geliebte Rote belegt wurde? Sie war ja nicht dabei und kann deshalb ihren Liebling nicht rechtzeitig vor der anstehenden Geburt im Haus behalten.
Der Roten ist schon fast zu wünschen, dass sie schwanger wird, denn geschieht dies nicht, rollt sie weiter und weiter, bis eine, wenn nicht sofort behandelt, tödlich verlaufende Gebärmutterentzündung die Folge ist.
Die Rote – ein wunderschönes Wesen, gefangen in einem von Menschen gemachten Teufelskreis!
AnnaFelicitas Hier geht es zu ihrer Homepage


