Busters Geheimnis
Pssst … mein Name ist Buster und ich muss endlich mal die ganze Wahrheit darüber erzählen, wie ich zu dem Schlitz in meinem Ohr gekommen bin.
Es geschah im Morgengrauen. Zu dieser frühen Stunde war mein Dosenöffner noch nicht zu überreden, mich armen, schon fast verhungerten Kater mit dem notwendigen Futter zu versorgen. Also nutzte ich die Zeit, um mein Revier zu erforschen.
Lautlos schlich ich durch die Katzenklappe, bog gleich rechts ab und nahm Kurs auf den Garten. Vorsichtig lugte ich um die Hausecke. Es war kein Eindringling zu sehen. Nicht einmal der schwarze Streuner, mein erklärter Erzfeind! Ich lenkte meine Schritte in Richtung Nachbarsgarten. Mit einem eleganten Sprung überquerte ich den Zaun und steuerte auf den Teich zu, um daraus ein wenig zu trinken. Natürlich beobachtete ich auch dabei die Umgebung. Aber selbst die kleine, sehr süße Nachbarskatze Luna ließ sich nicht blicken. Unter uns: Ich war sogar mal kurzzeitig ein bisschen in sie verliebt; aber wirklich nur ein bisschen!
Das kühle Wasser des Teiches tat gut und trieb endgültig den Schlaf aus meinem Körper. Allerdings ärgerte mich wie immer das über den Teich gespannte Netz. So konnte ich meinen Speiseplan leider nicht mit ein wenig frischem Fisch anreichern.
Gerade wollte ich noch einen kleinen Schluck nehmen, als ich aus dem Augenwinkel einen entfernten Schatten wahrnahm. Intuitiv duckte ich mich und suchte Deckung hinter einem der kleinen Büsche, die den Teich einrahmen. Aufmerksam suchte ich den Garten ab. Erst konnte ich den Ursprung des Schattens nicht ausfindig machen, doch dann tauchte er plötzlich auf!
Er, das war ein durchaus stattlicher junger Kater mit glänzendem, sehr gepflegtem Fell. Natürlich konnte er an meine Schönheit nicht heranreichen, klar! Aber ich muss zugeben, dass er es offensichtlich an Stärke mit mir aufnehmen konnte. Da er aber neu in der Gegend war, musste er natürlich unbedingt mit der herrschenden Hierarchie bekannt gemacht werden. Und das hieß, ich musste ihm klar machen, wer hier der Boss war – nämlich ich!
Schnell schmiedete ich einen Plan. Den Umstand, dass er mich noch nicht entdeckt hatte, wollte ich dabei natürlich für mich ausnutzen. Um Missverständnissen gleich vorzubeugen: Ich wollte mich nicht etwa feige aus dem Hinterhalt an ihn heranschleichen. Mitnichten! Aber ich wäre schon lange nicht mehr die Nummer Eins hier in der Gegend, wenn ich sich ergebene taktische Vorteile nicht zu meinen Gunsten ausgenutzt hätte. Langsam schlich ich in seine Richtung, jede Deckung ausnutzend. Er war viel zu beschäftigt, um mich zu bemerken. Ausgiebig schnüffelte er sich durch den Garten. Mächtig großer Fehler! Er musste noch jünger sein als er aussah, denn ein erfahrener Kater hätte sich niemals so unvorsichtig in ein ihm unbekanntes Revier gewagt. Schließlich hatte ich mich ihm bis auf knapp zwei Meter genähert. Mein Gegner hatte mittlerweile einen Käfer auf dem Rasen entdeckt und spielte gedankenverloren mit ihm. Natürlich nutzte ich diese Chance, sprang mit einem mächtigen Satz aus dem Gebüsch und baute mich drohend vor ihm auf. Und ich sag‘ Euch, ich legte einen Katzenbuckel par excellence hin!
Die Überraschung und mein lautstarkes Knurren zeigten Wirkung. Starr vor Schreck guckte er mich mit fragenden Augen an. Anscheinend war er in seinem jungen Leben noch nie in so eine Situation geraten. Mit stechendem Blick fixierte ich ihn, um ihm noch mehr Respekt einzuflößen und jeden Gedanken an Widerstand gleich im Keim zu ersticken. Es dauerte einen Augenblick, bis mein Gegenüber die Ausweglosigkeit seiner Situation verstanden hatte. Doch dann ging er in die Knie und legte sich flach auf den Boden. Ich glaube, er wäre am liebsten unter die Grasnarbe gekrochen. Wie jämmerlich! Aber mir sollte das nur recht sein. Denn so konnte ich ohne größeren Aufwand und vor allem ohne Kampf mein Ziel erreichen.
Natürlich sollte er noch ein kleines Andenken an diese Begegnung mit auf den Weg kriegen, damit ihm ein für alle Mal klar wurde, dass er vor mir zu kuschen hatte. Langsam, meine Augen nicht von ihm lassend, ging ich auf ihn zu. Am liebsten hätte ich mich ja vor Lachen auf dem Boden gekugelt. Der Anblick dieses kräftigen Katers, wie er da vor mir leise winselnd auf dem Boden lag, war einfach zu komisch. Aber ich hielt an mich, denn ich wollte ja meine sorgfältig aufgebaute Drohkulisse nicht beschädigen. Schließlich war er nur noch eine handbreit entfernt. Sein Atem ging schwer vor Angst. Seine Augen guckten mich unterwürfig an und sie schienen die ganze Zeit zu sagen: „Tu mir nichts! Tu mir bitte nichts! Ich bin doch noch so jung!“ Aber in meiner Stellung konnte ich natürlich keine Gnade walten lassen. Ich hatte ja einen Ruf zu verteidigen!
Doch gerade als ich zu einem mächtigen Hieb mit meiner Pfote ausholen wollte, geschah das vollkommen Unerwartete. Urplötzlich schnellte der Jüngling aus seiner Demutshaltung empor, vollzog eine äußerst geschickte Körperdrehung, die ihn an meine rechte Flanke brachte, und versetze meinem rechten Ohr einen gewaltigen Hieb. Ich war vollkommen perplex. So perplex, dass es tatsächlich einen Augenblick dauerte, bis ich den heftigen Schmerz in meinem Ohr bemerkte. Das schrie nach sofortiger Vergeltung! Nach blutiger Rache! Ich warf meinen Körper herum, um mich auf diesen Emporkömmling zu stürzen. Doch er war bereits verschwunden. Ich vernahm nur noch ein entferntes Rascheln in den Büschen.
Da saß ich nun: Mein Ohr schmerzte und mein Stolz war arg angekratzt. Vorsichtig guckte ich mich um und war heilfroh, dass keine andere Katze zu sehen war. Der Schaden für meinen Ruf wäre gewaltig gewesen, wenn sich dieser peinliche Vorfall rumgesprochen hätte. Schnell trollte ich mich nach Hause, um mich von meinem Dosenöffner trösten und meine Wunde versorgen zu lassen.
Seit diesem Erlebnis ziert dieser große Schlitz meine rechte Ohrspitze und natürlich erzähle ich noch heute jedem, der es hören will – oder auch nicht – von dem heroischen Kampf gegen einen übermächtigen Kater, den ich schließlich doch in die Flucht schlagen konnte!
Und mein Ohr zeige ich herum wie eine Trophäe …
Buster, nach Diktat beim Eindringlinge aufspüren
i. A. Uwe Onischke
Diese lustige Geschichte hat Uwe Onischke geschrieben, und sie ist veröffentlicht in “Das kunterbunte Katzenbuch“.


